Theater bezieht Position!

Die Publikumsdiskussion nach der Aufführung von „Flug.Punkt“ vom Verein Cocon hielt einige spannende Aspekte bereit – schnell entwickelte sich der Diskurs mit Emel Heinreich, der künstlerischen Leiterin vom Verein Cocon, und ihrem großen Team in Richtung einiger Kernfragen von „Pimp My Integration“:

-  Was soll dieses Postmigrantische? Gibt es ein postmigrantisches Theater?

- Wozu ein postmigrantischer Kulturraum? Damit man alle „Ausländer“ zusammentreibt um sie gemeinsam abzuschieben?

- Wie wollen KünstlerInnen wahrgenommen werden? Als MigrantInnen oder als KünstlerInnen? Als Ausnahme oder als Normalfall?

- Ist Shermin Langhoff die Gute oder das Böse?

Nochmals dieses ominöse Postmigrantische – „Pimp My Integration“ spricht nicht von „postmigrantischem Theater“ (denn bitte was war „migrantisches Theater“?), sondern von „postmigrantischen Positionen“. Auf der ständigen Suche nach neuen Begriffen, um etwas netter zu machen, kommt jetzt das Postmigrantische – wobei es schon eine Erklärung dafür gibt: Wir leben nach einer erneuten starken Immigrationswelle gemeinsam in einem Land und machen die Gesellschaft aus; also die Gesamtgesellschaft lebt in einem postmigrantischen Zustand. Aber da wir nicht der Illusion erliegen, dass diese neue Bevölkerungszusammensetzung als normal u.v.a. anerkannt wird, führt auch der aktuelle Begriff noch das „Migrantische“ mit, denn nach wie vor wird ständig Menschen vorgehalten, sie sind MigrantInnen – was nur ein schöneres Wort für „Ausländer“ sein soll, also unterm Strich: nicht-zugehörig. (Wer sich selbst als MigrantIn bezeichnet, das ist etwas anderes)

„Aber die bioösterreichischsten Österreicher sind postmigrantisch – da landen wir nämlich bei der Monarchie!“

Das Wichtigste abseits der Begriffe ist, dass Menschen zusammenkommen und ihre Fragen fragen, ihre Anmerkungen machen und miteinander reden, was sehr schön in einem kleinen Kreis bei dieser Publikumsdiskussion funktionierte. Auch über die Wünsche für die gemeinsame Zukunft der KünstlerInnen in der Stadt, denn wir können nicht davon ausgehen, dass alle dasselbe wollen – möchte eigentlich irgendwer diesen postmigrantischen Kulturraum? Und was kann der? Welche Auserwählten dürfen da rein? Von wem wird der geleitet? Oder wird er kollektiv geleitet von uns allen? Von wem jetzt? Von allen darstellenden KünstlerInnen in Wien? Und alle anderen Theater schließen? Weil es dann nur mehr 1 postmigrantisches Theater für ganz Wien gibt? – absurd.

Oder soll der postmigrantische Kulturraum als weiterer Ort in Wien eröffnet werden und wie in einen Tiergarten kommen dann alle und schauen rein? Sollen sich nicht stattdessen alle Theater öffnen?

Natürlich könnte so ein Ort Vorteile bieten in einer gemeinsamen politischen Kraft und einer Vernetzung – aber verstärkt das nicht reaktionäre Kräfte, die so gerne „Ausländer“ und „Inländer“ auf getrennten Parkbanken denken?

Denn wie verortet man sich als KünstlerIn in dieser Stadt – „mit Migrationshintergrund“. Jetzt steht das Wort doch da! Eben: dauernd bekommt man von außen diesen Migrationshintergrund umgehängt. Er klebt auf meinem Rücken, wie Emel Heinreich sagt. Es wird von ihr erwartet, dass sie bei „meiner Sache“ bleibt, auch von Beamtenseite. Aber sie möchte nicht nur in so einem postmigrantischen Kulturraum arbeiten, sondern überall hingehen können. Es geht nicht darum, immer die Ausnahmen aufzuzählen – die eine Produktion im Volkstheater, die eine Moderatorin beim ORF, einmal arbeitete eine Schauspielerin am Burgtheater – sondern es geht darum, dass es „normal“ wird. Dass die Wirklichkeit mit den diversen Menschen sich ihren Zugang zu allen Institutionen erobert. Eine Zuschauerin antwortete in diesem Sinne: „Ich fühl mich nicht als Migrantin, ich bin von hier, es hört mir.“

Und Shermin Langhoff, dauernd schwebt ihr Name über allen Veranstaltungen, was für ein Mythos jetzt schon, sie tritt doch erst 2013 ihren Job in Wien an. Wien lebt von Mythen, nur nicht von den Menschen, die da sind und die Stadt ausmachen – immer das Gleiche.

Zeigt sie uns 2013 endlich wie´s geht? Braucht Wien postmigrantische Aufbauarbeit von einer Berliner TürkIN?

Oder passiert gerade, was so oft passiert: ein Mann aus Berlin oder Paris – also die „guten Ausländer“ – übernimmt ein Festival = normal. Eine Frau und dann auch noch was Türkisches dabei, ruft Angst und Misstrauen hervor. Diese Meinungen werden noch sehr spannend zu beobachten sein.

Eines hat sich wieder einmal gezeigt – das Wichtigste ist, dass Menschen Gelegenheit haben, um zusammenzukommen und sich über die Themen zu verständigen, die ihnen wichtig sind. Ob es für diese Art der Verständigung und Vernetzung einen „postmigrantischen Kulturraum“ braucht, wird stark bezweifelt in der Szene, da sich die ganze Stadt als postmigrantisch wahrnehmen könnte.

NB: „Pimp My Integration“ ist eine Projektreihe postmigrantischer Positionen in der Garage X, die von 18. Jänner bis 10. Februar 2012 in Theaterstücken und Diskussionen eine Annäherung an das Thema versucht.

www.garage-x.at

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