Du und ich, das sind Wir
Du und ich, das sind Wir
Abbildung postmigrantischer Identitäten in der österreichischen Kultur und Gesellschaft: So komplex der Untertitel zur Podiumsdiskussion „Wer ist wir?“ klang, umso erfrischender waren die Antworten der Gäste auf die erste Frage nach dem jeweiligen individuellen „Wir“.
Es war eine lebendige Diskussion bei der neben dem Religionspädagogen Ednan Aslan die Kultur und Sozialanthropologin Sabine Strasser, der Migrationsforscher Erol Yıldız, die Journalistin Olivera Stajić (dasstandard.at) sowie der Generaldirektor der RLB NÖ-Wien Georg Kraft-Kinz geladen, um unter der Leitung von Hikmet Kayahan über die Konstrukte „Wir“ und „Ihr“ zu diskutieren.
Für den Kölner Bildungswissenschafter Erol Yıldız, der seit 2008 an der Klagenfurter Alpen-Adria-Universität lehrt, ist die Frage nach dem “Wir” eine ausschließlich westeuropäische Frage, ja eine Luxusdebatte. Stajić hegt eine große Abwehr gegen ein fixes “Wir”. Das bringe nur Schwierigkeiten mit sich, sei es doch eng mit Konzepten wie Nation, Herkunft und Religion verknüpft. Ednan Aslan weist auf die Vielfältigkeit der „Wirs“ in verschiedenen Lebenssituationen hin. Zu manchen davon werde er verpflichtet, etwa „Türke“ oder „Moslem“, andere wähle er selber.
Geschichte neu schreiben
Postmigrantisches Theater, postmigrantische Kulturarbeit oder wie sich die Projektreihe von Garage X und daskunst nennt: Postmigrantische Positionen. Der Begriff hat seit einigen Jahren vor allem in Deutschland Hochkonjunktur. Aber was bedeutet postmigrantisch? Erol Yıldız, der diesen Begriff im wissenschaftlichen Kontext geprägt hat, versteht darunter zunächst eine veränderte Perspektive auf die vorherrschende Geschichtsschreibung. Das Potential postmigrantischer Positionen liege etwa im Neuerzählen von der Geschichte der “Gastarbeit”, das mit Mythen aufräumt und bisher unbekannte Aspekte beleuchtet. Postmigrantisch beziehe sich aber auch auf die Bezeichnung der sogenannten Zweiten und Dritten Generation, die – obwohl oft selbst ohne Migrationserfahrung – im öffentlichen Diskurs zum „Migranten“ gemacht werden. Es handelt sich also um eine Zuschreibung von außen – die Betroffene dennoch zwangsweise verbindet.
Den Islam gibt es nicht
Die Diskussion um “Wir”-Konstruktionen ist nicht nur in Österreich eng verknüpft mit Grenzziehungen gegenüber dem Islam bzw. muslimischen Gesellschaftsgruppen, im Volksmund „die Parallelgesellschaft“.
Die immer wieder konstatierte Isolation sei jedoch nicht über Nacht entstanden, so Ednan Aslan, sondern sei eine Notlösung aufgrund der 50jährigen Ignoranz von Seiten der Mehrheitsgesellschaft gewesen.
Es gäbe aber weder den Islam, noch die muslimische Einheit. Auch in Wien nicht. So würden lediglich 15 Prozent der österreichischen Muslime die Religion praktizieren. “Eine Religion wird aus dem Kontext heraus geprägt, daher ist auch ein europäischer Islam möglich.” Es sei gefährlich für Muslime in Europa, wenn sie diese Prägung nicht selbst gestalten, sondern zu ihr verpflichtet werden würden. Zudem betont Aslan selbstreflexiv, dass er selbst seine Religion täglich neu definieren müsse. Etwa wenn sich junge gläubige Homosexuelle mit Fragen an ihn wenden. Homosexualität und Religion, ein Thema, das auch Aslan „neu betrachten muss“.
Grenzziehungen hier und da
Sabine Strasser weiß vom hartnäckigen Bestand von Grenzziehungen vor allem im ländlichen Raum zu erzählen. Hier grenzen sich MigrantInnen von der Mehrheitsgesellschaft ab, weil sie etwa den teilweise exzessiven Alkoholkonsum der Jugendlichen nicht gutheißen. Und umgekehrt werden sie von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt, weil die muslimischen Jungs nach dem gemeinsamen Fußballspiel nicht mit auf ein Bier gehen. Wichtig sei permanentes Vermitteln als alltägliche Praxis, wie sie von NGOs und der Sozialarbeit geleistet wird.
Förderung des Dialoges ist für Georg Kraft-Kinz ebenso unerlässlich, ja sogar die Lösung. Österreich sei im 20. Jahrhundert von einer Geschichte des “Wir”-Scheiterns geprägt gewesen, aus dem resultiere auch ein verklärender Blick auf die Vergangenheit. Dass hinter der Forderung nach mehr Dialog ein wirtschaftlicher Nutzen steckt, unterstreicht der Obmann des 2009 gegründeten Vereins Wirtschaft für Integration: „Der größte wachsende Markt ist der migrantische. Für die Wirtschaft ist es eine Überlebensfrage.“
Am Ende der Veranstaltung kamen neue Fragen auf, was nach einem jüdischen Sprichwort, der beste Ausgang für eine Diskussion ist…
Fragen, die bei den folgenden Veranstaltungen der Projektreihe sicher wieder behandelt werden: Braucht man den Umweg der speziellen Schublade für MigrantInnen, bevor sie die hegemonialen Räume betreten – ob in den Medien oder in einem postmigrantischen Theater? Oder kann nicht der Schritt Verortung übersprungen und die sofortige Öffnung aller Institutionen vor dem Hintergrund der veränderten Bevölkerungszusammensetzung eingefordert werden?
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