Großes Kino: Die Viennale und die Themen unserer Zeit

Heute eröffne ich die 49. Viennale im Wiener Gartenbaukino. Sie ist Wiens 14-tägiges und gleichzeitig Österreichs größtes Filmfestival. Es findet seit 1960 jedes Jahr im Oktober statt und bringt zeitgenössisches Kino in die Traditionskinos der Stadt: Gartenbaukino, Urania, Metro-Kino, Stadtkino, Filmmuseum und Künstlerhaus-Kino sind die Austragungsorte für eine akzentuierte Auswahl filmischer Arbeiten aus der ganzen Welt.Von Jahr zu Jahr wachsen Publikumszahlen und Auslastung. Auch die internationale mediale Beachtung steigt kontinuierlich: Für mehr als 700 Medien- und Branchenvertreter aus rund 30 Ländern ist die Viennale ein Fixtermin geworden.

Die auf der Viennale gezeigten filmischen Werke spiegeln dementsprechend ebenso vielfältige wie internationale Diskurse wider. Sie vermitteln ein spannungsvolles  Stimmungsbild von den verschiedensten Herausforderungen und Chancen, die Menschen in allen Regionen der Welt zu meistern haben. Letztlich aber bleibt eine der großen Chancen des Menschen immer dieselbe: dass er dieGabe besitzt, sich stetig weiterentwickeln zu können.

Eine Kuturleistung, die gepflegt werden will -  allen voran durch Bildung:

Statt eines Films – den man sich besser im Kino ansieht – anbei meine diesjährige Rede zur Eröffnung der 49. Viennale im Wiener Gartenbaukino.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Heute vor einem Jahr wurde das Audimax der Universität Wien besetzt. Die Studierenden gingen auf die Straße. Es ging um freien Zugang, um bessere Studienbedingungen, um demokratische Verhältnisse an den Unis. Junge Menschen kämpften um ihr Recht auf Bildung.

Auch dieses Festival engagierte sich, an der Spitze sein Präsident, den wir heute ob seiner klaren Worte besonders vermissen.

Seither standen allerdings Diskussionen über alle Formen von Beschränkungen im Mittelpunkt. Zugangsbeschränkungen, Studiengebühren, Knock-out-Prüfungen und anderes mehr. Und wie zum Hohn wird – quasi zum Jahrestag der Audimax Besetzung – ein Modell präsentiert, wie Unis nun selbst Gebühren einheben können.

So als ob diese Gebühren irgendetwas an der grundlegenden Situation der Universitäten veränderten. So als ob es nicht darum ginge, mehr Menschen den Zugang zu den Hochschulen zu ermöglichen.

So als ob es nicht grundsätzlich darum ginge, Bildungsbarrieren abzubauen, Chancen zu eröffnen; umfassende, gleiche Bildung für alle zu ermöglichen. So als ob es schließlich nicht darum ginge, zu begreifen, dass Bildung die Grundlage unserer Kultur und damit die einzige Chance in der gegenwärtigen Unsicherheit ist, in die uns der ungeregelte Finanzkapitalismus geführt hat.

Ich will ihnen eine Geschichte erzählen. Vor kurzem war ich in Paris – die Symphoniker haben ja einen neuen Chef von dort bekommen. Eine europäische Metropole von globaler Dimension – eine wahre Großstadt, geprägt von Jahrhunderten Geschichte, die sich an den Gesichtern der Straßen, Plätzen, Kathedralen ebenso zeigt wie an den Gesichtern der Menschen. Eine unglaublich lebendige, vielfältige Stadt, an jeder Ecke Handwerker, Cafés, Bäckereien, Büros, Geschäfte, pralles Leben, Millionen Menschen, die meist in beeindruckender Rücksicht und Umsicht miteinander umgehen und leben. In der aber auch Konflikte gelebt und ausgetragen werden.

Dort gab es ein Konzert, das Orchester des Conservatoire spielt in der großzügigen Cité de la musique. 1000 Menschen sitzen im Saal, sie haben den ganzen Tag gearbeitet, am Abend Babysitter organisiert, sich mit Freunden getroffen auf ein Glas, ihre Karten lang vorher besorgt und bezahlt, und jetzt freuen sie sich auf Hindemith, Schönberg, ein neues Werk von Olga Neuwirth, und nach der Pause die 2. Brahms. 100 Studentinnen und Studenten treten auf, die besten aus ganz Europa, und spielen mit unbändiger Energie dieses weit gespannte Programm.

Am selben Tag steht in der Zeitung, dass Frankreich sein Triple-A-Rating verlieren soll, und dadurch droht, in eine tiefe Rezession zu fallen, mit Schulden, Arbeitslosigkeit, harten Sparpaketen, die zuallererst Bildung und Kultur treffen werden: Was für ein himmelschreiender Unsinn! Was für eine groteske Lächerlichkeit!

Dagegen gilt es sich zu wehren, in ganz Europa. Es geht um die Zukunft dieser jungen Menschen, ob auf der Bühne oder im Zuschauerraum, ob in Frankreich oder bei uns oder sonst wo in Europa. Wir haben dafür Verantwortung, und wir müssen sie wahrnehmen.

Es gibt ein Kapitel an Bildung und Kultur, das unwiederbringlich kaputt gemacht werden könnte, durch das reine Diktat des Finanzkapitals.

Vor allem aber: Es gibt viel an Bildung und Kultur, das es zu fördern gilt, in einem universellen Gemeinwohlinteresse.

Wir alle sind gefordert, als selbstbewusste „Mutbürger“ Verantwortung für unsere Gemeinwesen und den Blick auf das Morgen vorzuleben: Damit es nicht nur darum geht, die eigenen Interessen durchzusetzen, sondern die aller Mitbürgerinnen und Mitbürger anzuerkennen und zu befördern.

Dafür gehen mittlerweile nicht nur Studierende auf die Straße.

Und davon handeln viele Filme der nächsten Tage.

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