Schnittstellen im Café Eiles
Die erste Sitzung der Denkerrunde fand Mitte September im Café Eiles statt. Eigentlich hätte es in den Lainzer Tiergarten gehen sollen, zu einem anregenden Spaziergang mit Einkehrmöglichkeit. Doch bei Regen fanden wir im Wiener Café einen besseren Rahmen zum entspannten Gespräch.
Die Runde vorzustellen war kaum nötig, viele der Anwesenden kannten einander bereits, hatten sie sich doch in der Vergangenheit bereits an der einen oder anderen Schnittstelle getroffen – ein Begriff übrigens, der im Gespräch, wie zu lesen sein wird, oft vorkam.
Gleich zu Beginn fragte Eser Akbaba „was denn nun Migrant Mainstreaming bedeutet?“
Sichtbarmachung von Migranten und ihr Mitdenken bei neuen politischen Maßnahmen, antwortete Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny knapp und kam gerade noch dazu, die Frage nach Interkulturalität, dem Austausch zwischen den Kulturen, etwas pauschaler im Hinblick auf die Stadt zu stellen, bevor ein ebenso reger wir spannender Austausch begann: „Welchen Beitrag kann Kultur fürs Miteinander in der Stadt leisten? Wie kann man Migranten in der Kultur sichtbarer machen?“, fragte Mailath.
Migrationsexperte Kenan Güngör unterstrich die Wichtigkeit der Kultur, um Bilder und Identitäten der Stadt zu schaffen. Kultur könne verbinden, es brauche aber die Sichtbarmachung. Jeder bringt neue Sichtweisen mit, die gelte es bemerkbar zu machen. „Es gibt verschiedene Bilder und Narrative von der Stadt – es geht darum zwischen den Menschen Schnittstellen freizulegen, Anknüpfgungspunkte zu schaffen.“
Es ging in der Diskussion jedoch nicht darum, Etiketten zu schaffen, meinte Klaus Werner-Lobo, oder wie Güngör es formulierte: „Vergiss, dass ich schwarz bin – Vergiss niemals, dass ich schwarz bin.“
Möglichkeiten zur Begegnung schaffen
Der sorgsame Umgang mit den Gepflogenheiten von Minderheiten war auch Renate Schnee, Leiterin der Bassena am Schöpfwerk, ein Anliegen. Ihre
hochinteressanten Beiträge im Umgang vor Ort, veranschaulichten, wie wichtig die Kenntnis einer Kultur ist, um die Menschen auch zu erreichen.
Hier wurde vor allem Augenmerk darauf gelegt, Kultur auch abseits der Hochkulturtempel zu definieren. „Es geht darum, Schnittstellen der Begegnung zu schaffen, verschiedene Bilder der Stadt aufeinander treffen zu lassen“, so Werner Binnenstein-Bachstein (Brunnenpassage).
Eine weitere wichtige Schnittstelle müsse es im Hinblick auf Kommunikation geben, meinte Damien Abgogbe, Präsident der Wiener Integrationskonferenz und selbst Lehrer. „Zuwenige Menschen wissen zum Beispiel vom Gratis-Eintritt in die Wiener Museen bis 19 – dabei bin ich selbst Lehrer.“
In dem Zusammenhang berichtete Stadtrat Mailath von einem Projekt in Liverpool, bei dem Jugendliche Kleinkriminelle über gezielte Box-Workshops lernten, „sich in der Gruppe kollegial zu verhalten – also eine Kultur des Zusammenlebens im Weitesten Sinn erlernten.“
Kulturprojekte müssten aber nicht automatisch zu einem eigens für Migranten geschaffenen Kulturraum oder Theater führen: Asli Kislal, Julya Rabinovich oder Alexander Nikolic pflichteten bei und stellten die Frage, ob es überhaupt einer gesonderten
Behandlung von Migranten bedürfe. Vielmehr sollte man ihre Kunst ermöglichen und sie daran messen.
Kislal: „Ich kenne Regisseure, die aufgrund ihrer Herkunft, nur Stücke inszenieren dürfen, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen – obwohl sie vielleicht in ihrer Heimat auf Shakespeare spezialisiert sind.“
Förderung ja – aber welche Kriterien?
Auch die gezielte Förderung von Migranten als Migranten, das „Migrant Mainstreaming“ wurde kritisch betrachtet: „Es muss in der Kunst ja ein Qualitätskriterium absolut vorrangig bleiben, sonst erweist man der Kultur einen schlechten Dienst“, kommentierte Schriftstellerin Julya Rabinovich.
Nicht zuletzt geht es bei Wdw darum, eine gesellschaftliche Vision zu entwickeln und Begegnung zu ermöglichen: Dem pflichtete auch Nina Kusturica bei und brachte das Beispiel einer Begegnung des Publikums nach einem ihrer Filme mit den Schauspielern – eine Begegnung die ohne weiteres Zutun viel bewegte.
Gleichzeit brachte Nina Kusturica ein, dass für Migranten einmal die Grundbedürfnisse wie politische Teilhabe und soziale Sicherheit vorhanden sein müssten, bevor man sich für Kultur zu interessieren beginnen kann.
Eine spannende Diskussion mit teils auch provokanten Ideen, die die Pläne der Stadtpolitik infragestellten, ging nach zahlreichen Kaffees und keiner einzigen Pause zu Ende – bis zur nächsten Veranstaltung geht es hier im Blog weiter.
Anwesende: Klaus Werner-Lobo, Julya Rabinovich, Asli Kislal, Alexander Nikolic, Kenan Güngör, Renate Schnee, Werner Binnenstein-Bachstein, Damien Agbogbe, Eser Akbaba, Nina Kusturica.
- Alle Beiträge von Wien denkt weiter

Danke zunächst einmal allen bisher Beteiligten für die kritische Offenheit und die Bereitschaft zum Zuhören, mit der dieses gemeinsame Weiterdenken begonnen hat. Der Halbsatz “die die Pläne der Stadtpolitik infragestellten” zeigt worum’s uns geht: Wir wollen uns, unsere Bilder und unsere Politik hier infrage stellen lassen, die Diskussion öffnen und gemeinsam weiterdenken und weiterkommen. Freu mich drauf!
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Ich finde den Ansatz sehr interessant. Wir fahren im März nach Wien und ich finde bei jeder Städtereise, die wir unternehmen, immer sehr interessant, wie Migranten und Minderheiten ein Stadtbild prägen und wie sie eingebunden sind ins Geschehen. Nun bin ich ganz neugierig, wie das in Wien aussieht.
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