Schafft zwei, drei, viele Wiener Video- und Filmtage!

Plädoyer einer Jurorin des diesjährigen Filmfestivals

Stellen Sie sich Folgendes vor: die Schlussszene eines Films flackert über die Leinwand. Dann Dunkelheit. Stille. Applaus brandet auf. Das Bühnenlicht geht an, der Regisseur wird angekündigt und heraus kommt – ein Neunjähriger. Flankiert von seinen Schauspielern: einer gleichaltrigen Schulfreundin und seiner vierjährigen Schwester. Dieser junge Kollege wird nun von einer Jury aus lauter Branchenprofis zu seinem Film befragt, kritisiert, gelobt und steht anschließend für das obligatorische Publikumsgespräch zur Verfügung.

So gesehen bei den heurigen Wiener Film- und Videotagen, dem Filmfestival für Nachwuchsfilmemacher. Kinder und Jugendliche zeigen ihre Arbeiten, stellen sich Kritik und Diskussion und als Lohn winken ausschließlich Sachpreise, die sie in ihrem zukünftigen Filmschaffen unterstützen sollen. Drehbuchberatungen, Checks für Filmbearbeitung, Profi-Equipment, Kinokarten fürs Filmarchiv, DVD-Editionen.

Das Besondere an den Filmtagen ist die Rolle des Wiener Medienzentrums WienXtra, Veranstalter und Initiator. Hier findet künstlerische Arbeit mit jungen Menschen statt wie sie sein soll: interaktiv, ohne zu belehren, pädagogisch, ohne mutwillig zu formen, begleitend, ohne zu beeinflussen.

Hier kann jede und jeder, der sich für Film interessiert, vorbeikommen und sich informieren, die Infrastruktur nutzen und an seiner filmischen Vision basteln. Es herrscht ein Werkstättenklima, das alles zulässt und zum Beispiel ermöglicht, dass der Film eines Neunjährigen losgelöst von seinem Alter und einem abwertenden „Butzigkeitsbonus“ wahrgenommen wird. So manche Kunsthochschule im In- und Ausland könnte sich mit ihrer dogmatischen Meisterklassenideologie ein Scheibchen davon abschneiden.

Denn was ist der Sinn, der Mehrwert von lektorierten Kunstkursen mit hoch dekorierten Vortragenden, wenn man die Jugendlichen danach wieder allein lässt? Workshops oder Lehrgänge können sensibilisieren oder Interessen wecken. Aber sie können den weitaus wichtigeren Prozess des aktiven Gestaltens niemals ersetzen.

Die Filmtage bilden mit ihrer Philosophie außerdem einen wichtigen Kontrast zur gegenwärtigen Rezeption von künstlerischer Arbeit junger Menschen. Sie widersprechen durch ihren Erfolg der sich verbreitenden stupiden Logik des medial omnipräsenten Castingshow-Kosmos, die da sagt: jegliche Begabung von Teenagern muss in Sado-Maso-Boot-Camp-Manier (am besten auch noch öffentlich) zurechtgeprügelt werden.

Die Festivalmacher setzen dieser Idealisierung von Drill, Zucht und Ordnung eine weise und wahre Erkenntnis entgegen: dass sich künstlerische Talente in erster Linie entwickeln können müssen. Dass diese Entwicklung je nach Veranlagung mehr oder weniger Zeit braucht und am besten durch ein freies Klima unterstützt wird.

Also, bitte mehr davon!

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