Scheitern, gescheitert.

Während des letzten Jahres nahm ich an mehreren Diskussionsrunden der „Wien denkt weiter“-Runde teil. Das Scheitern war immer wieder Thema und Forderung. Ich hab dazu ein paar Fragen…

Soll Scheitern gefördert werden, wird Christoph Thun-Hohenstein gefragt – und beantwortet dieses mit einem deutlichen JA. Ich schließe mich an. Und hoffe, dass in unserer Kultur (hiermit meine ich nicht nur die Kultur, die bei Kunst steht, sondern auch zB die Unternehmenskultur, die Lebenskultur…) irgendwann das (öffentliche) Scheitern auch akzeptiert wird.

Wir sind ja so tendenziell kein Volk der Entdecker und Eroberer, wir trauen uns nicht so schnell hinaus in die Wildnis und kommen heldenhaft mit aufgeschundenen Knien (gescheitert?) zurück dorthin, wo wir bejubelt werden aufgrund des Mutes, einfach mal los gezogen zu sein. Liegt es an unseren traditionsreichen Wurzeln, dass wir so ungern scheitern wollen (wer scheitert schon gerne?)? Oder sind wir es einfach nicht gewöhnt, weil es bisher nicht notwendig war? Ging auch ohne Scheitern? Glaube ich nicht.

Ich vermute, der Unwille, zu scheitern, sitzt tief. Dort, wo die dunklen Ängste rumoren.
Scheitern – bedeutet das vielleicht: etwas nicht zu können oder nicht zu wissen? Was passiert zum Beispiel im (öffentlichen) Schulsystem, wenn wir etwas nicht können oder nicht wissen? Überspitzt betrachtet (oder nicht?): Wir werden bestraft, bekommen schlechte Noten, bekommen „ein Minus“, vielleicht eine Klassenbucheintragung, müssen uns bei der Direktion rechtfertigen, die Eltern werden vorgeladen weil das dumme Kind nicht genau das macht, was von ihm verlangt wird. Scheitern? Nicht erwünscht.

Scheitern – bedeutet das vielleicht: einer Idee, einem Gedanken zu folgen, auszuprobieren, Risiken eingehen? Kann sein. Hoffentlich, besser gesagt. Aber wo ist das möglich? Wo gibt es Raum und Zeit für Risiken und Scheitern? Wieder schaue ich auf das (öffentliche) Schulsystem und frage mal ganz naiv: gibt es die Zeit-Räume, wo ausprobiert werden kann? Wo es einen Ideen-Freilauf gibt? Oder stehen alle unter Druck, den Lehrplan durchzupeitschen ohne links und rechts schauen zu können? Hausübungen zu verbessern, Schularbeiten schreiben, Klassenbucheintragungen, weil schon wieder jemand in der Nase gebohrt hat?

Scheitern muss gelernt sein. Scheitern muss gewollt sein. Risiken eingehen muss geübt werden, sonst traut man sich ja nie. Und Scheitern muss ausgehalten werden – von der Person, die scheitert (oder: die ein Risiko eingegangen ist und vielleicht etwas anderes entdeckt hat?) und von dem Umfeld rundherum… ja, auch und vor allem von FördergeberInnen – immer wieder.

Irgendwo zwischen dem 3. Lebensjahr und der Uni (oder so) gibt es ein großes Loch… vorher wird es uns größtenteils zugestanden zu scheitern. Es ist ja klar, dass wir noch nicht alles können (können wir irgendwann alles?), also dürfen wir scheitern. Und ja, Risiken sollen wir eingehen (naja, halbwegs), weil man sonst ja nicht weiterkommt in der Entwicklung. Der erste Schritt ist logischer Weise damit verknüpft, oft hinzufallen und wieder aufzustehen.

Dann kommt der Kindergarten (der eh schon viel besser ist als früher, ich erinnere mich an Klozeiten und gezwungene Mittagsschläfchen… bevor ich in mein Paradies „Kinderladen“ kam) und dann die Schule. Und plötzlich sollen wir alles entweder schon können oder möglichst ohne Fehler lernen. Scheitern: später mal, jetzt nicht. Jetzt noch eine halbe Stunde Mathe, dann Geschichte, dann schnell in den Turnsaal und dann Bio. Was, das geht dir zu schnell? Tja, du kannst ja immer noch eine Lehre machen. Was für eine Drohung…

Und dann die Uni – für manche. Ich weiß nicht, wie es jetzt ist. Ich höre und lese: sehr verschult, sehr geordnet, sehr straff. Sehr schnell und mit wenig Zeit, mal hier und mal dort seine Nase reinzustecken. Zu Physik vielleicht noch Vorlesungen zu chinesischer Philosophie? Zu Geschichte dann doch noch ein bisschen Wissenschaftstheorie? Geht das heute noch? Darf man noch ausprobieren, oder ist das dann gleich ein „Herumtrödeln“? Ein „dem Staat auf der Tasche liegen“, obwohl man ja im Hörsaal sitzt – nur vielleicht im „falschen“?

Ich weiß es nicht, wie es auf den Kunst- und Kulturunis ist (dort war ich nicht… aber dürfen nur diejenigen, die dort waren, Kunst und Kultur betreiben?). Dürfen die dort Scheitern üben? Dürfen die dort Risiken eingehen üben?

Wann darf man endlich wieder Scheitern, ohne angeklagt zu werden? Wann darf man, nein: soll man Risiken eingehen?

Nur Mut.

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Christine Steindorfer
  • 16. September 2010
  • 12:37

Ich unterstreiche jedes einzelne Wort. Es ist nun einmal so: Unsere Gesellschaft möchte gerne Scheitern ausblenden. Dabe ist Scheitern immer eines von mehreren möglichen Ergebnissen, wenn man etwas in Angriff nimmt.
Ist man letztlich auf die Nase gefallen, braucht man nicht lange zu warten, bis die ersten vor Schadenfreude lachen. Schafft man es aber erfolgreich zu sein – wird man mit Neid und Missgunst konfrontiert.
Schade eigentlich, denn so eine Einstellung schadet nicht nur einzelnen Personen sondern der Gesellschaft als Ganzes. Denn sie ist zutiefst innovationsfeindlich.
Es kann aber auch anders gehen. Da bin ich mir sicher. Eine Gesellschaft kann sich ändern. Selbst auf die Gefahr hin, dass es sozialromantisch klingt, aber da muss schon jeder selbst etwas dazu beitragen.
Christine Steindorfer
(Scheiterwerkstatt, Co-Autorin von “Die Kraft des Scheiterns”)

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Florian Mauthe
  • 16. September 2010
  • 12:53

Scheitern muß und soll immer möglich sein. Besoders in der Kunst ist Scheitern ein Teil des Projektes. Ein(e) Künstler(in) der/die nicht ab und zu scheitert, müßte sich eigentlich fragen, was er/sie falsch macht. Es stellt sich allerdings die Frage, ob man aus seinem Scheitern auch Schlüsse zieht. Scheitern ist ein Prozess der Selbsterkenntnis und kostet daher naturgemäß jedem einzelnen seine eigene kostbare Zeit. Es sollte aber keinesfalls Anderen Zeit kosten. Und dieser Verantwortung sollte sich der/die Gescheiterte immer stellen. Denn ich glaube nicht, dass es Aufgabe der Gesellschaft sein sollte, mutwilliges Scheitern zu fördern und langfristig zu finanzieren. Und das betrifft alle Bereiche des Lebens. Sei es Kunst, Bildung Unternehmertum u.s.w.

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Christine Steindorfer
  • 16. September 2010
  • 15:08

Lieber Herr Mauthe,
Sie haben Recht. Scheitern hat immer einen persönlichen Anteil und scheitern sollte immer in einem Lerneffekt münden (ob es das bei jedem und immer tut, ist eine andere Sache). Sonst dreht man sich immer im Kreis.
Ich verstehe aber nicht, warum es nicht im Interesse der Gesellschaft sein sollte, Scheitern zuzulassen. Ich denke sogar, dass eine Gesellschaft, die Wert auf Weiterentwicklung und Innovation legt, Räume zum Scheitern bieten muss (nicht kann, nicht soll, sondern muss). Und das muss uns schon auch etwas wert sein. Letztlich profitiert die Gesellschaft ja vom Scheitern anderer. So gibt es z. B. viele zum Zeitpunkt ihres Entstehens innovative Produkte, die ihren Ursprung im Scheitern haben. Das reicht von den morgentlichen Cornflakes bis zum abendlichen Viagra.
Woran ich noch knabbere ist Ihre Formulierung „mutwilliges Scheitern“. Das kann es doch gar nicht geben. Wer mutwillig scheitert, hat absichtlich ein Ziel nicht erreicht. Dann ist er doch per definitionem nicht gescheitert sondern erfolgreich (weil Absicht und das Ziel, das er vorgibt erreichen zu wollen, nicht das eigentliche Ziel ist).

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Wolfgang Plattner
  • 16. September 2010
  • 15:27

Na, dann scheitere ich mal :) ) Wenn’i denk dass ein Ergebnis des Scheiterns Scheiter sind, und ein Scheit etwas ist, das in die Hand genommen, und also ja begriffen wird, und’i weiter denk’, dass, zum Beispiel, im neu erschienen Wörterbuch Oxford Dictionary for English http://arm.in/jLB 2.000 neue Begriffe aufgenommen wurden, denk ich mir, dass wir doch in einer Epoche leben, die in einigem Sinn vergleichbar ist mit dem Beginn des Kambriums, vergleichbar ist also mit der Kambrischen Explosion http://arm.in/jLC Von daher denke ich: es wird ja eh gescheitert! Dürfen hin, dürfen her! http://arm.in/hs3 :) )

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