Topologie einer musischen Stadt
Die griechische Antike sah in der Verneinung des Musischen, in der Unbildung oder amousia den sicheren Untergang jeder Polis. In Platons Politeia spricht Sokrates davon, dass, wer an den Musen nicht teilhabe, mit der Zeit verrohe, schwach werde, taub und blind und vom gänzlich Muselosen heißt es dort, er wisse alles nur noch mit Gewalt und Wildheit auszurichten, lebe taktlos und ohne Anmut im Unverstand.
Dazu ein Satz aus der Gegenwart, ein Satz über die Kunst aus Paul Celans Dankesrede zur Verleihung des Büchnerpreises. Diese Rede trägt den Titel: Der Meridian. Da heißt es: „Toposforschung? Gewiß! Aber im Lichte des zu Erforschenden: im Lichte der U-topie Und der Mensch? Und die Kreatur? In diesem Licht.“
Die Kunst als Meridian durch alle gesellschaftspolitischen Entwicklungen, als Orientierung und Alarmzeichen und Signal einer Möglichkeit weiter zu denken, um einem im Kommen begriffenen Unverstand zu entgehen?
Wien war und ist (noch) eine Stadt der Kultur und der Kunst. So lebt sie zum Beispiel (noch) inmitten von Musik und Theater. Wer lange im Ausland war, weiß das Erstaunliche dieses Phänomens zu schätzen. Ihre besondere musische Kraft hat Wien dabei immer aus der Zusammenkunft vielfältiger Nationalitäten und verschiedener Kulturen geschöpft.
Wien denkt (hoffentlich) in diesem musischen Sinne weiter, im kommenden Wien.
Entgegen allen politischen und ökonomischen Trends, das Musische abzuwerten, wenn nicht sogar abzuschaffen.
- Alle Beiträge von Susanne Granzer
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