Eine Kunsthalle als Agora

Die einzige Konstante einer sich ständig verändernden Umwelt ist heute die Beschleunigung ihrer Veränderung. So wie das Museum angehalten ist, der Dynamik der Veränderung – von den innerbetrieblichen Strukturen über seine Unternehmensstrategie bis hin zu den Kommunikationstechniken – Rechnung zu tragen, wenn es nicht zu einem spinnwebenumrankten Tempel der Vergangenheit werden will, so muss eine Institution für Gegenwartskultur als geistig-kulturelles Zentrum von sozialen Milieus begriffen werden, die auf ihre Inhalte wirken und die ihrerseits wieder von ihr interpretiert werden. Nur dann wird diese Institution nicht wie eine Prothese am gesellschaftlichen Körper wirken, sondern ihn wie ein gut durchblutetes Organ mit Energie versorgen.

In dieser Dialektik aus Geschichte und Gegenwart kann die Kunsthalle ihre Aufgabe erfüllen: Agora zu sein, Verhandlungsstätte gegenwärtiger kultureller und gesellschaftspolitischer Bewusstseinslagen, formgebende Instanz zwischen Seins-Erinnerung und Entäußerung. Dieses Programm bedingt eine gewisse Lust zum Risiko: Wenn man das Mögliche anvisiert und die Heterotopien gegenwartsaffiner Produktionsweisen abzubilden versucht, geht man nicht selten auf Konfrontationskurs mit der Erwartungshaltung eines Publikums, dessen Rezeptionshorizont über die „Wiederkehr des Immergleichen“ (Adorno) nicht hinausreicht. Doch Kunst ist kein wertfreies System, sondern, im Gegenteil, ein Messinstrument zur Kalibrierung der groben und der feinen gesellschaftlichen Unterschiede. „Die Negation des Niederen, Groben, Vulgären, Wohlfeilen, Sklavischen, mit einem Wort: natürlichen Genusses, diese Negation, in der sich das Heilige der Kunst verdichtet,“ schreibt Pierre Bourdieu, „beinhaltet zugleich die Affirmation der Überlegenheit derjenigen, die sich sublimierte, raffinierte, interesselose, zweckfreie, distinguierte, dem Profanen auf ewig untersagte Vergnügungen zu verschaffen wissen.“

Das Schielen nach der Quote kann in solchen Zusammenhängen nicht die Richtschnur der Ausstellungspolitik sein. Denn die Kunst, den kleinsten gemeinsamen Nenner für möglichst viele Publikumsschichten zu finden, beherrschen große Entertainment Konzerne ohnehin besser. Ein Haus, das wie die Kunsthalle Wien Subventionen erhält, ist jedoch nicht nur dem Publikum verpflichtet, sondern primär den Künstlern und der Kunstproduktion der Gegenwart – wie komplex, sperrig und erratisch sie auch immer sein mag. Wir können uns im Gegensatz zu Disneyworld und den Universal Studios nicht darauf beschränken, populäre Programme zu machen, sondern wir müssen schwierige Programme populär machen. Die Aufgabe einer Kunsthalle als einer Einrichtung des Gemeinwesens sehe ich darin, eine Art „Welcome Service“ an der Pforte des Elfenbeinturms zu sein.

Die Daten, die wir in den letzten Jahren eingeholt haben, zeigen uns, dass dieses Projekt gelungen ist: die Besucherzahlen konnten seit 1995 mehr als verdreifacht werden und 85% des Publikums sind jünger als vierzig Jahre. Das heißt, die Kunsthalle ist zu einer Schule der ästhetischen Sensibilisierung und der Wahrnehmungsgenauigkeit geworden, die relevante Segmente der wachen, jungen Milieus erreichen kann und damit zur Bewusstseinsbildung in einer Stadt beiträgt, die nicht zu Unrecht ihre Weltoffenheit und globale Anschlussfähigkeit betont.

Auch wenn der Gesellschaft die „großen Erzählungen“ und die Hoffnungen auf einen zielgerichteten historischen Prozess abhanden gekommen sein mögen, so heißt das nicht, dass wir uns in kriterienloser Selbstreferenz einrichten können. Mag uns das 20. Jahrhundert gelegentlich mit Trugbildern genarrt haben, so kann es trotzdem nicht darum gehen, die Aufklärung an der Garderobe abzugeben. Im Gegenteil: die Gesellschaft und ihre Institutionen müssen sich der unmittelbaren Vergangenheit stellen und, mit Beat Wyss, versuchen, „die Traumgedanken der Moderne kritisch zu deuten“ und so zu Orten „lustvoller Aufklärung“ (Hilmar Hoffmann) zu werden. „Das philosophische Projekt der Moderne wird erst in ihrem Ruin deutlich,“ schreibt Norbert Bolz. „Mit anderen Worten, die Moderne ist eine Ruine, kein unvollendetes Projekt (…) Und als Ruinen werden uns die Systemgedanken der Vergangenheit wieder lieb – sie sind nicht mehr wahr und verbindlich, aber tröstlich und stimulierend.“

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