Zeitgenössische Kunst ist antizipatorische gesellschaftliche Arbeit
Welche Rolle kann die Kunst in der demokratischen Gesellschaft übernehmen? Wie soll sie einer unübersichtlichen Weltlage Rechnung tragen, in der unter dem Prätext der Demokratie das Faustrecht des Stärkeren immer mehr zum eigentlichen Herrschaftsinstrument wird? Kunst kann in diesem Kontext vor allem seismographisch wirken, Ahnungen vom Zukünftigen vermitteln. Sie enthüllt die Abgründe der Normalität und zeigt die Banalität des Außergewöhnlichen.
James Joyce hat einmal gesagt: „Ich bin Künstler und als solcher beschäftige ich mich nur mit normalen Dingen, die außergewöhnlichen überlasse ich den Journalisten.“
Die normalen Dinge: Das sind die gesellschaftlich geregelten Abläufe, die unspektakulären Interaktionen im Alltag, die Machbarkeiten vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund der nicht einlösbaren Utopien.
Demokratie ist per definitionem eine eher unspannende Angelegenheit: Ein System der Gewaltenteilung, das extensiven Verhandlungsbedarf mit sich bringt und wesentliche Entscheidungsprozesse in die Kollektive der Parlamente und Kontrollgremien verlagert. Ein Dispositiv, das dem Heroismus und der individuellen Machtappropriation einen Riegel vorschiebt. Francis Fukuyama hat in seinem vielzitierten Buch „Das Ende der Geschichte“ die Demokratie als die letztmögliche Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Subsysteme charakterisiert und in der Befriedung der Verhältnisse gleichzeitig einen Intensitätsverlust diagnostiziert. An die Stelle des „Opferganges durch die Feuerwüste“ (Ernst Jünger) ist die Endlosschleife der Argumente getreten, die im Dickicht der Debatten eine permanente Kompetition um die politische Deutungshoheit in Gang hält.
Wie passt das mit der Kunst zusammen, die ja nicht überzeugen will und muss, sondern durch autoritative Setzungen Aufmerksamkeit einfordert? Die oft durch individualistische Hypostasierungen die demokratisch verfasste Gesellschaft provoziert und im Solipsismus ihrer eigenen Welterfindung Gegenpositionen proklamiert? Einfacher gefragt: Welche Rolle kann die Kunst in der demokratischen Gesellschaft übernehmen?
Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Wir wollen uns hier nicht für Subventionskultur interessieren, die sich willfährig der politischen Willensbildung unterwirft und sich als Dekoration den Akteuren kontinuierlich wechselnder Machtverhältnisse andient, sondern für eine Kunst des Widerspruchs, des Nicht-Versöhnt-Seins. Eine Kunst, die dem unzulänglichen Allzumenschlichen die Idee des Gelungenen, die Utopie der Bezauberung entgegensetzt – immer im Bewusstsein, dass die ästhetische Skizze gesellschaftlicher Möglichkeitsräume einen Anteil an Uneingelöstem in sich trägt, das nach Entladung drängt. Sei es in Form der Explosion, die in letzter Konsequenz zur Revolte führt, sei es als Implosion durch Ermattung jener teleologischen Energien, die in der Lage wären, politische Gegenbilder zu entwerfen.
Kunst als die individuelle Selbstausfaltung par excellence ist, unter den Bedingungen der Globalisierung mehr denn je, auch antizipatorische gesellschaftliche Arbeit. Sie lässt sich nicht „demokratisieren“, wenn damit gemeint sein sollte, dass sie sich einem statistisch ermittelten Massengeschmack zu unterwerfen hätte. Stattdessen kann sie in Akten der ästhetischen Selbstermächtigung choc-artige Erkenntnisblitze zünden, die das Wahnhafte und Irrationale zeitgenössischer Sinnsuggestionssysteme kenntlich machen. „Kunst“, sagt Theo Kneubühler, „ist eine Komplexierung verschiedener Systeme. Präziser gesagt: Kunst ist zielgerichtete Verwebung, kalkulierte Vermischung verschiedener Denk- und Anschauungsweisen, um durch diese Durchdringung neue Denk- und Anschauungswiesen zu schaffen, die die Beziehung zu dem, was Wirklichkeit genannt wird, neu und umfassender gestalten.“
Unsere Epoche nach dem Zusammenbruch des sogenannten „Ostblocks“ stellt insofern eine welthistorische Neuheit dar, als, jenseits der akkumulativen Logik des Kapitals kein ontologischer Fluchtpunkt erkennbar ist. Der Weltgeist erschöpft sich in selbstreferentiellen Spielchen, die Demokratie als vorherrschende staatliche Organisation des „Westens“ ist vorwiegend mit Fragen des Machterhalts und des Abbaus staatlicher Leistungen entfernt und weit davon entfernt, ihre Rolle als Agora der dialogischen Auseinandersetzung um das Gemeinwesen wahrzunehmen. Toni Negri spricht in polemischer Zuspitzung von einer Epoche der Metapolitik, „in welcher der Frieden nur noch die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln zu sein scheint.“
Vielleicht gehört dieser Zusammenhang des Weltganzen auch zu jenen „normalen Dingen“, von denen James Joyce im anfänglichen Zitat gesprochen hat und deren Bearbeitung Aufgabe der Kunst sein sollte. So sieht sich die zeitgenössische ästhetische Produktion verwickelt in eine Gemengelage kompetitiver Interessen, die außerhalb jeder geschichtsphilosophischen Beglaubigung, an der Fortführung des Immergleichen oder, um es zynisch mit Isidor Isou zu sagen, „an der Befestigung eines geistigen Nichts“ arbeiten.
Eine Kunst, die heute diesen Namen verdient, muß der Zerrissenheit des Sinnlichen standhalten, sie muss im Bewusstsein tätig werden, dass die Erfahrung des Möglichen als ästhetischer Kategorie der Welt nur unter der Voraussetzung Werk werden kann, „dass die Verunstaltung der Gemeinschaft sich umkehrt zu einer Heimstätte prozeßhaften Wiederanschubs für die jeweiligen Singularitäten, die wir außerhalb aller repräsentativen Identität insgemein sind.“
Die Kompliziertheit dieser Formulierungen von Toni Negri und Eric Alliez trägt der Unübersichtlichkeit einer Weltlage Rechnung, in der unter dem Prätext der Demokratie das Faustrecht des Stärkeren immer mehr zum eigentlichen Herrschaftsinstrument wird.
Kunst kann in diesem Kontext vor allem seismographisch wirken, Ahnungen vom Zukünftigen vermitteln, Sinnzusammenhänge, die das schändlich Unwelthafte transportieren, ästhetisch untergraben. Sie enthüllt die Abgründe der Normalität und zeigt die Banalität des Außergewöhnlichen. „Kunst“ sagt Harald Szeemann, „ist für mich alles, was ich schon mit diesem Begriff identifizieren, auch wenn gesellschaftlich noch nicht damit in Verbindung gebracht wird.“
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