Die neue Agora für Wien
Für Bibliotheken und multikulturelle Räume – als Bildungsauftrag 3.0 (= Dritte Generation).
Ich habe zwei Lieblingsorte in Sachen Kultur und Bildung in Wien: Die städtischen Büchereien am Urban Loritz Platz, und die Lugner City gleich daneben.
Es gab eine zum Glück längst vergessene Debatte um den Standort für einen Neubau der Wiener städtischen Büchereien, als sich das alte Zentrum bei mir ums Eck in der Skodagasse in seinen Möglichkeiten erschöpft hatte. Die nach langen Mühen entschiedene Adresse am Gürtel über der U-Bahn Station Burggasse galt jedoch als nicht durchsetzbar, nicht zuletzt weil im Umfeld mehrheitlich bildungsferne Ausländer wohnen.
Ein Blick in die neue Stadtbibliothek ist die stärkste Antwort, was mutige kulturpolitische Interventionen, wenn diese auch einigermaßen mit Ressourcen ausgestattet sind, erreichen können.
Was, wenn ich es recht erinnere, nicht wirklich stattfand war vorab ein Dialog mit Integrationsexperten, die hätten erzählen können, wie sehr gerade den Jugendlichen (und den Frauen) aus dem Immigrationsmilieu der zweiten und dritten Generation in der unmittelbaren Nachbarschaft öffentliche Räume fehlen, in denen sie sich außerhalb der strikt sozialen Kontrolle in ihren Wohnungen und, soweit dies existiert, an ihren Arbeitsplätzen aufhalten und austauschen können. Genau das aber ermöglichte die neue Bibliothek, und das ist ihr historischer Erfolg.
Aber diese großartige Stadtbibliothek funktioniert, wie sie ist, nicht ohne die angrenzende, gerne geschmähte Lugner City, das Einkaufszentrum nebenan. Integration und Leben benötigen– um Bertold Brecht zu zitieren – die Kombination aus Fressen und Moral, also Einkaufen, Essen und Ausgehen in einem für die Immigrantengruppen geordneten und kulturell überschaubaren öffentlichen Raum mit gesicherter Moral nebenan – in der Bibliothek.
Eine Kulturpolitik, wie ich sie mir wünsche, ist mutig und offen für solche Orte: Die reale Zivilgesellschaft von Wien mit rund einem Drittel an MitbürgerInnen, die nicht in dieser Stadt geboren wurden, braucht öffentliche Orte, an denen Tag für Tag Zusammenleben passiert, in kulturellen, sozialen und politischen Belangen des Miteinander und der Mitbestimmung. Integration bedeutet nicht Sonntagsreden zur kulturellen Bereicherung, sondern kulturelle Kommunikation im Grätzl-Leben wie auch im Hauptabendprogramm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, und auf allen Ebenen des kulturellen Lebens dieser Stadt.
Forderungen und unmittelbare Maßnahmen sind deshalb:
- Eine Erhebung über die wahren Gesichter dieser Stadt: Wie setzt sich Wiens Bevölkerung zusammen? Und wie wird sie in den Medien dieser Stadt dargestellt?
- Wie repräsentieren die Führungsebenen in Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur das tatsächliche Spektrum Wiens?
- Wer definiert die Bilder von Wien – in Wien, regional, global?
Übrigens: Die anstehende Neupositionierung des Wien Museums kann dazu ein guter Anlassfall sein.
- Alle Beiträge von Rüdiger Wischenbart
Letzte Kommentare