Die Macht der Behauptung

„Festkurator“ Robert Rotifer zieht im Gast-Blogbeitrag für “Wien denkt weiter” Bilanz:
„Was bleibt vom Popfest Wien?“

Wie ich so im fernen England in der Sonne sitze und mir per YouTube Bilder spontan entstandener Naturspringbrunnen am Gürtel ansehe, wird mir erst so richtig bewusst, was für ein unfassbares Glück wir mit unserem Popfest hatten. Das bisschen Regen während des Soundchecks am Freitagnachmittag erscheint im Nachhinein als Luxusproblem. Wie so viele der kleineren und größeren Befindlichkeiten, die rund um die Veranstaltung aufgetreten sind. Oder wie jene andere Flut, die der gehässigen User-Kommentare in diversen Online-Foren. Alles, was es dazu von meiner Seite zu sagen gibt, habe ich ohnehin schon in einem Interview mit dem Magazin The Gap ausgeführt.

Was bleibt, sind Erinnerungen an die Konzerte selbst, insbesondere jene, die in keiner der Zeitungsrezensionen Erwähnung fanden: Die musikalische Vehemenz von Neuschnee im Prechtlsaal, die verblüffend perfekten Pop-Shows von Ginga oder Velojet ebenda, die klangtechnisch schwierigen, aber visuell umso spannenderen Balkon-Performances von Sir Tralala und Paper Bird im Wien Museum, die dicht gewobenen Gitarrenlinien der Songs of Claire Madison, die ungebremste Expressivität des Trojanischen Pferds, der sich schlüssig in die elektronische Welt von Affine Records fügende, zutiefst tanzbare Jazz-Funk von JSBL mit einem entfesselten Dorian Concept am Keyboard, die unwiderstehlich rollenden Songs des (beim Nino aus Wien als musikalisches Rückgrat waltenden) Raphael Sas beim Konzert seiner Band mob, die melodiöse Feinsinnigkeit des Bernhard Eder zwischen Geige und Kontrabass im Projectspace, die geradezu idyllische Begehung des fünfjährigen Jubiläums von Siluh Records in Schanigartenatmosphäre oder die Begeisterung, die man mir vom Abschlusskonzert von A Thousand Fuegos zutrug, als ich längst im Resselpark in der spontanen Verbrüderung der Bands hängen geblieben war. Weil es doch auch spannend war, dabei zu sein, wenn Der Nino aus Wien einem sichtlich geschmeichelten Stefan Stanzel von A Life, A Song, A Cigarette sein langjähriges Fantum bekundet.

In diesen Momenten kam all das zusammen, was wir uns bei der Konzeption dieses Fests erträumt hatten: Bands, die beim Anblick der Publikumsmassen über beide Ohren grinsten. Andere, die trotz technischer Widrigkeiten die gute Laune nicht verloren. Wildfremde Leute, die aus der Menge heraus auf einen zukamen und sich spontan bedankten, so als hätte man ihnen ein großes persönliches Geschenk gemacht – nicht selten ohne einen an den Dank hinzugefügten Beschwerdekatalog (die Bühne zu niedrig, kein Essen zu kaufen, Gedränge an den Indoor-Locations, der Sound zu leise).

So oft ich auch meine Leier vom begrenzten Budget, dem in diesen Dimensionen unerwarteten Publikumsansturm und den behördlichen Beschränkungen herunterratschte, und so genau ich auch wusste, was für enorme Leistungen unsere vielen MitarbeiterInnen an diesen vier Tagen vollbrachten: Die Leute hatten in ihrer konstruktiven Kritik schon Recht. Wer ein Festival besucht, und sei es gratis, dem dürfen die Problemchen der Veranstalter egal sein.

Wie ein von der Musik verzückter Zuschauer, dem allerdings alles viel zu leise war, mir wiederholt entgegen rief: „Was sich machen lässt, ist eine Frage des politischen Willens.“ Ich erklärte ihm, dass seine und die Anwesenheit Tausender anderer massiv zur Prägung dieses politischen Willens beitragen würden. Und das haben sie auch schon. Siehe die Zusicherung seitens der Stadt, dass es nächstes Jahr wieder ein Popfest geben soll.

So sehr mich das freut, so klar ist mir, dass im organisatorischen Bereich 2011, wenn es keine berechtigten Ausreden für Kinderkrankheiten mehr gibt, die Latte wesentlich höher liegen wird. Was die thematische Ausrichtung angeht, war 2010 die Darstellung der Vielfalt und die harmonische Durchmischung der Szenedörfer ohne althergebrachte Genredünkel eine Geschichte, die sich äußerst eloquent selbst erzählt hat.

Beim nächsten Mal werden wir darauf aufbauen und Themenstränge herausarbeiten können. Und zwar nicht, wie zum Beispiel von Thomas Kramar in der Presse angeregt, in Form von Auftragsarbeiten, sondern idealerweise in konzeptioneller Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen. Schließlich kann der Geist des Popfests nur dann bestehen, wenn das Festival – wie heuer – eine strukturell und inhaltlich gemeinschaftliche Sache ist.

Guter Pop ist immer sowas wie eine magische Projektion, ein Gebäude aus Behauptungen, das sich seine Realität selbst schafft. Das gilt für einen Song genauso wie für ein Festival. Vor dem Popfest habe ich in genau diesem Sinn großspurig behauptet, dass wir den WienerInnen Musik vorsetzen, von der sie noch nicht wissen, dass sie sie lieben werden. Und dass wir in dieser Stadt einen neuen, besseren Popbegriff hinterlassen werden. Ich bin überzeugt, dass uns das gelungen ist. Und wie sollte es auch nicht, bei diesen Bands. Und bei diesem Wetter.

Robert Rotifer, 18. Mai 2010

Bewerten:
kultur kontra politik
  • 18. Mai 2010
  • 14:13

Ich bin überrascht über die inhaltliche Entwicklung dieses Blogs, mir ist nicht klar wer hier den Leitfaden im Auge behält, sollte es aber der Blogger selbst sein der sich hier ein Thema frei ausgesucht hat dann: Lieber Robert Rotifer, sind Sie hier der Erste, der ausschließlich VON der eigenen Sache berichtet… Sehr sehr schade.

Die Leier vom “begrenzten Budget” ist auch etwas fade. Die Höhe der Förderung der Stadt Wien ist meiner Meinung nach für ein Event das zum ersten Mal statt findet sehr sehr hoch. Besonders wenn man mit anderen interessanten jungen Konzepten vergleicht !!!!
Von den zahlreichen zahlreichen alt “Bewährtem”, das über die Maße von der Stadt gefördert wird, sei hier nicht die Rede – das wäre Inhalt für einen Beitrag zur Kulturpolitik..

„Wer ein Festival besucht, und sei es gratis, dem dürfen die Problemchen der Veranstalter egal sein.“ verstehe ich diesen Satz richtig, dann schmerzt er fast schon. Es ist aber meine persönliche Meinung dass man durch fehlenden Perfektionismus merkt, dass kein Herz in der Sache steckt, das Projekt nicht wie viele es mussten „aus sich heraus gewachsen“ ist, sonder eben in Jahr 1 hinreichend seines Potentials gefördert wurde – wiederum am Papier keine schlechte Sache, würde es nicht viele umgehen die schon lange hart kämpfen. Frage ich mich: Warum ist dem Popfest gelungen, was viele interessanteren Projekten noch nicht gelungen ist? Richtiges Maß an Kommerz? Richtiger Zeitpunkt? Würde mich für andere Meinungen interessieren.. (Missgunst ist hier nicht meine Motivation, diese Kritik richtet sich nur kaum gegen die Veranstalter / Kurator des Popfests….)
“dass wir den WienerInnen Musik vorsetzen, von der sie noch nicht wissen, dass sie sie lieben werden” – auch etwas fade, viele der Bands am LineUP haben wir heuer schon gesehen – ich nehme an dieser Meilenstein war durch den gratis Eintritt möglich, den das “begrenzte Budget” finanziert hat.

Ich freue mich auf Beiträge von Donauinselfestkurator…

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Wien denkt weiter
  • 18. Mai 2010
  • 14:31

Keine Sorge, wir “behalten den Leitfaden im Auge”. Wir sehen das Popfest als zentrales – und intensiv diskutiertes – Ereignis des diesjährigen Kulturfrühlings in Wien an. Deshalb haben wir Kurator Robert Rotifer gebeten, ein Resumee zu ziehen, sprich: Meinung “in eigener Sache” kundzutun. Das ist nicht “schade”, sondern intendiert und gut so.
Dass das Popfest für Debatten sorgt, ist gut. Besonders gut dann, wenn sie mit Argumenten über “das übliche Gesudere” hinauskommen. Insofern freuen wir uns auch über Ihren Beitrag, “kultur kontra politik”.

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rea
  • 09. August 2010
  • 17:33

Ich finde ein übergebührend gefördertes Festival in einem Wahljahr aus dem Boden zu stampfen nicht besonders innovativ oder nachhaltig, zudem schaut mir das Line Up mehr nach Freunderlwirtschaft als nach Vielfalt aus. Das ganze dann auch noch Popfest zu nennen zeugt nicht gerade von besonderer Sensibilität. Mir wäre es entschieden lieber, wenn existierende Projekte die nicht nur “kurzfristig mit heimischem Pop für Unterhaltung sorgen wollen” (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 11.05.2010) vernünftig und langfristig gefördert würden, anstatt mich wiedermal poppen zu lassen.

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