Mehr als Stadtmöblierung

Wenn wir von der Zukunft der Kunst- und Kulturpolitik in Wien sprechen, sprechen wir auch von Kunst im öffentlichen Raum. Kaum eine andere Form der Kunst ist so leicht und so vielen Menschen zugänglich wie die Kunst im öffentlichen Raum. Sie beeinflusst das Stadtbild mit, belebt den öffentlichen Raum, stärkt die Identität einzelner Stadteile und ermöglicht allen WienerInnen und BesucherInnen einen niedrigschwelligen Zugang zu zeitgenössischer Kunst.

Kunst im öffentlichen Raum hat ja eine lange, bunt, wechselvolle Geschichte hinter sich. Ursprünglich, vor allem seit den sechziger Jahren, wurde der public space vor allem von Protestmilieus genutzt, um die Unversöhntheit mit der gerade aktuellen Politik und Gesellschaftsformation kundzutun. Auch die Graffiti-Kultur war im Kern eine illegale ästhetische Intervention, die ihren Protagonisten, vielfach Angehörigen ethnischer Minoritäten, Sichtbarkeit und künstlerische Dignität gewährleisten sollte. Diese Genealogie sollte man sich vor Augen halten, wenn man von Kunst im öffentlichen Raum als kommunal geförderter Ausdrucksform spricht. Der ursprüngliche politische Impuls, die Funktion einer Agora, auf der gesellschaftspolitische Dissonanzen und Differenzen ausgehandelt und ausgetragen werden können, muss in die Feinstruktur solcher Arbeiten eingewoben sein. Die der traditionellen Kunst am Bau vielfach zugeschriebene Funktion einer Stadtbehübschung und eines oberflächlichen Augenreizes kann einem fortschrittlichen Konzept für Kunst im öffentlichen Raum nicht mehr genügen.

Seit dem Jahr 2004 gibt es einen von der Stadt Wien eingerichteten Fonds zur Föderung von Kunst im öffentlichen Raum. Gefördert werden temporäre Projekte, die von einer internationalen Jury ausgewählt werden.

Kunst im öffentlichen Raum erfüllt viele Aufgaben und Aufträge. Bildung, Integration, gesellschaftlicher Protest, Dinge sichtbar machen, die so in der Gesellschaft nicht sichtbar sind. Kunst im öffentlichen Raum darf und soll ein Stachel sein, kann weh tun, will aufmerksam machen, arbeitet Geschichte auf. Wie Wendelin Pressls REVUE am Fritz-Grünbaum-Platz, die nicht nur ein Ort des Verweilens sein soll, sondern auch an Fritz Grünbaum erinnern will. Oder Rachel Whitereads Holocaust-Mahnmal und Lawrence Weiners Textarbeit auf einem Flakturm im 7. Wiener Bezirk. Alles Werke, die auf jeweils unterschiedliche und dem individuellen Schaffensprofil der Künstler entsprechende Weise Impulse aussenden, die zu Reflexion, Kontemplation und Reaktion Anlass geben.

Kunst im öffentlichen Raum – für alle?

Eine möglichst breite Zugänglichkeit von Kunst im öffentlichen Raum hängt nicht nur von der Lage und Positionierung der Objekte ab, sondern hat in erster Linie mit ihrer Vermittlung zu tun. Diese kann von Objektbeschreibung bis hin zu konkreten Auseinandersetzungen mit AnrainerInnen und Interessierten in Form von geführten Begehungen reichen. Die Aufgabe von KÖR liegt darin, Kunst nicht nur als Stadtmöblierung zu verstehen, sondern als künstlerisches Statement, das auf soziale, politische Themen und Missstände aufmerksam machen will.

Ich bin davon überzeugt, dass Kunst im öffentlichen Raum wesentlichen Einfluss auf das Bild einer Stadt nehmen kann, dass sie aufzeigen kann, wie eine Stadt mit ihrer Geschichte, ihren Problemen umgeht.

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