Eintritt frei und!

Museum und Ausstellung zum Nulltarif – eine schöne Vorstellung. Doch ohne begleitende Bildungs- und Vermittlungsoffensive sinnlos.

Es war eine nette Surprise für französische Museumsbesucher: Seit 1. Jänner 2008 hat das Pariser Kulturministerium die Eintrittspreise für vierzehn Nationalmuseen gestrichen – vorerst für ein halbes Jahr, wenn der Pilotversuch reüssiert, durchaus für länger. Schon seit Jahren geistert das Phantom der Gebührenfreiheit durch Europa. 2001 zeigte es heftige Präsenz jenseits des Ärmelkanals, als die Briten die Eintrittsgelder für die Staatsmuseen abschafften und damit einen Besucherboom auslösten. In Deutschland machte sich kürzlich die einflussreiche Hamburger „Zeit“ dafür stark, die Eintrittsgelder generell zu streichen. Und in Österreich? Optimistisch wurde im Regierungsprogramm angekündigt, dass man die Staatsmuseen an einem Tag pro Monat – also homöopathisch – gratis für das Publikum zugänglich machen werde.

Abgesehen davon, dass es schon heute freie Eintrittstage gibt (z.B. in der Kunsthalle, finanziert von Sponsoren) sowie ausdifferenzierte Kartenpreissysteme, die einkommensschwachen Schichten den Eintritt zu einem reduzierten Preis oder gar frei ermöglichen, sehen diese Initiativen bislang keine Kompensation für damit verbundene Einnahmenausfälle vor. Die „Praxis Eintritt frei“ würde letztlich zu Lasten des Ausstellungs- und Museumsbetriebes gehen und im zeitgenössischen Bereich auch den Künstlern schaden, für deren Projekte noch weniger Geld vorhanden wäre.

Kulturelle Zukunftssuchmaschinen

Warum dennoch Museen und Ausstellungen zum Nulltarif? Während massiv unterstützte Institutionen wie Staatsoper oder Burgtheater die Gralshüter der Hochkultur geben, ist das Leistungsprofil der Museen von elementarer Art. Kunstinstitutionen sind nicht nur die wichtigsten Lagerstätten für das Erinnerungsmaterial, aus dem jener delikate Stoff raffiniert wird, den wir „kulturelle Identität“ nennen, sie sind auch künstlerisch-kulturelle Zukunftssuchmaschinen, die heute präsentieren, was die Klassik von morgen sein wird. Nur die kollektiven Gedächtnisspeicher „Museen“ frei zugänglich zu machen, wäre sowohl kultur- als auch bildungspolitisch zu kurz gegriffen, es geht auch um die Ausstellungen, gerade um jene mit ohnedies schwer zugänglicher zeitgenössischer Kunst.

Wer die Eintrittsbarrieren zu Museen und Ausstellungen jedoch wirksam bekämpfen will, kann nicht bei den Eintrittspreisen haltmachen, sondern muss die Voraussetzungen für Kunsterkenntnis und Kunstgenuss stärken bzw. ausbauen: die Bildung in den Schulen, aber auch die Vermittlungsbemühungen der Kunstinstitutionen stärken. Hiezu bedarf es einer konzentrierten kulturpolitischen Aktion. Freiem Zutritt muss eine ausreichende Finanzierung der Museumsaktivitäten gegenüberstehen, d. h. ein Angebot von zumindest gleicher Quantität und Qualität für die Zukunft. Weiters muss die Verankerung adäquater Unterrichtsfächer garantiert sein sowie Motivations- und Belohnungssysteme für Vermittlungsarbeit in den Museen müssen geschaffen werden.

Jedenfalls haben die Erfahrungen in den anderen Ländern gezeigt: Dem Minus an Eintrittserlösen steht ein Plus an Besuchern gegenüber. Die Londoner Serpentine Gallery, eine zeitgenössische Kunsthalle, konnte ihre Besucherzahlen durch freien Eintritt von 350.000 auf 750.000 steigern. Und das heißt nicht nur mehr Menschen, die in den Museumscafés mehr konsumieren und in den Museumsshops mehr shoppen, sondern vor allem mehr Menschen, die an Kunst teilhaben. In diesen visionsarmen Zeiten wäre es kein Schaden, wenn wieder mehr nach dem Motto „Think big!“ nachgedacht würde.

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Christine Steindorfer
  • 03. Mai 2010
  • 16:39

Ich stehe dem freien Eintritt zwiespältig gegenüber:
Denn, kommen wirklich so viel mehr Menschen aus bildungs-/kulutrfernen Schichten wegen des freien Eintritts oder sind es nicht vielmehr jene, die sowieso ins Museum gehen, die das Angebot nun öfter nutzen?
Und welche Auswirkungen hat der freie Eintritt in staatlich subventionierte Kulturinstitutionen auf privat geführte, deren MitarbeiterInnen schon jetzt angemotzt werden, weil der Eintritt so viel mehr kostet?
Trotz alledem: Der freie Eintritt ist eine Überlegung wert, doch als Einzelmaßnahme wohl nicht zielführend.

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artinfo24.com T.Paul
  • 04. Mai 2010
  • 15:50

Generell wäre das natürlich eine begrüßenswerte Sache. Den Einwand von Frau Steindorfer (bzgl. wer diese Möglichkeit nutzt), können die Museen ja eben an den Umsätzen im Museumsshop oder Cafe ablesen. Was ist aber mit den enorm teuren Ausstellung, wie z.B. die letzte Botticelli Ausstellung in Frankfurt, oder das Momain Berlin vor einigen Jahren. Dort sind alleine schon enorme Versicherungs- und Transportkosten zu bewältigen. Eine refinanzierung über Eintrittsgelder ist da fast unumgänglich.

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Christian Henner-Fehr
  • 05. Mai 2010
  • 20:57

@T.Paul: lassen sich solche Großausstellungen wirklich über den Ticketverkauf finanzieren? Abgesehen davon sehe ich die Situation wie Christine Steindorfer. Wer keine Förderungen erhält, ist doppelt gestraft, weil er nicht nur nichts bekommt, sondern auch noch gegen subventionierte Ticketpreise antreten muss.

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