Mehr Freiheiten!
Zurzeit passiert unglaublich viel in Wien. Wien hat tolle MusikerInnen, ProduzentInnen und visuelle KünstlerInnen und hat dadurch auch die spannende Eigenheit, sehr viele audio-visuelle Kooperationen hervorzubringen. Vor allem aber hat Wien ein breites und interessiertes Publikum. Dazu kommt die Zahl der Menschen, die Projekte umsetzen und realisieren. Es brodelt. Immer mehr Kooperationen entstehen, neue Ideen und Konzepte schießen aus dem Boden.
Doch leider ist auch die gegenteilige Entwicklung zu sehen. Etablierte, vernetzte und beim Publikum beliebte Projekte müssen aufgeben, weil es an den Rahmenbedingungen scheitert! Sie verlieren ihre Spielstätten, weil die Vermieter zahlkräftigere Untermieter bevorzugen oder werden gezwungen, sich plötzlich an wenig nachvollziehbare Einschränkungen zu halten.
Dazu kommen noch offizielle Hürden, die es schwierig machen, eine Veranstaltung zu realisieren, ohne dabei von vornherein vor allem ein großes finanzielles Risiko zu tragen. Abgesehen von Vergnügungssteuer, Steuern, welche die Gastronomie betreffen oder Abgaben für Sperrstundenverlängerungen machen zum Beispiel auch (oft unsinnig erscheinende) nicht genehmigte Sperrstundenverlängerungen (auch an Orten mit geeigneter Infrastruktur und nicht vorhandener Anrainerproblematik) den VeranstalterInnen zu schaffen.
Im Zuge einer zukunftsweisenden Kulturpolitik für Wien geht es daher um die grundsätzliche Frage, inwieweit man Regelungen überdenken und einer jungen Szene – in verschiedenen Bereichen – einiges mehr an Freiheiten zugestehen kann.
Etwa in Form von Räumen und Plätzen, an denen junge KünstlerInnen, die Möglichkeit haben, ihre Projekte „auszuprobieren“ und gleichzeitig die Sicherheit, damit auch scheitern zu dürfen. In Wien gibt es zwar kleinere Kollektive, die solche Räume haben, doch aufstrebende, einzelne Künstler haben kaum die Ressourcen, sich solche Orte zu schaffen. Hier liegt es an der Stadt, wenn sie die junge Szene halten, fördern und einladen will: „Brutplätze“ zur Verfügung zu stellen, deren Bespiel- und Nutzbarkeit nicht durch Sperrstunden, AnrainerInnen oder die Lage eingeschränkt wird. Denn was bringt einem jungen Musikkünstler ein Ort, an dem es um 22 Uhr ruhig sein muss?
Es geht vor allem auch um mehr Offenheit bei Förderansuchen. Die Kulturabteilung der Stadt Wien wird mit Förderanträgen überschwemmt. Doch wie wird die Essenz aus diesem Schwall an Anträgen herausgeholt? Das kann nur im Dialog mit Involvierten oder im regelmäßigen Gespräch mit „Kulturscouts“ aus verschiedenen Szenen und unterschiedlichen Generationen gewährleistet werden.
Zusätzlich muss ein Fördersystem entwickelt werden, das Projekte nicht nur finanziell, sondern auch öffentlichkeitswirksam unterstützt, d.h. in dem die geförderten Projekte auch sichtbar gemacht werden, die Unabhängigkeit des Projekts jedoch erhalten bleibt. Beide Seiten würden davon profitieren.
Denn schlussendlich geht es um die Frage: Wie schafft es ein Projekt, innovativ zu bleiben? Und sich trotzdem so weit zu institutionalisieren, dass es überleben kann?
- Alle Beiträge von Eva Fischer
Schlussendlich stellt sich doch eher die Frage… wie weit müssen Kulturarbeiter*innen sich (unabhängig davon ob sie innovative Konzepte haben oder nicht) an die Politik anbiedern um davon überleben zu können?
Das es innovative und/oder experimentelle Kunst und Kultur in Wien gibt liegt eher an einen trotz- nicht wegen- deren Förderung. Wenn Wien wirklich Inovativ sein wollen würde dann müssten halt auch Kulturpolitiker wie Mailath und sein Freundeskreis Projekte fördern die außerhalb ihres Kreises werken. Und die Projekte in Wien die zuerst subversiv und dann “überfinanziert” wurden müssen erst erfunden werden…
“Wien die Kreativstadt” kein Schlagwort, denn Menschen mit Ideen und Einsatzwillen gibt es hier eine Menge. Die Politik hat das erkannt und sich dafür einige (unnachhaltige) Förderprogramme ausgedacht. Die Kreativen werden zum Marketingvehikel und Imageträger der Kulturpolitik und der Tourismusindustrie.
Diese Förderprgramme mögen zwar der erste Start für die Wenigen sein die so eine Förderung ergattern, aber was ist mit denen die Zuarbeiten und Nachtschichten einlegen um Projekte tatsächlich zu realisieren? Mit dieser undurchdachten Förderpolitik wird eine Überzahl an prekären Beschäftigungsverhältnissen gefördert. Komischerweise fühlt sich die Politik hier nicht zuständig. Der Tenor lautet: Kreativität ja, aber in Grenzen. Ja nicht zu laut, ja nicht zu lange! Immer schön im Rahmen bleiben. Und wie ist das mit: Ja, aber auch nachhaltig und dem Projekt angemessen?
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Die Schaffung von Räumen und damit einhergehenden passenden finanziellen Rahmenbedingungen für junge Künstler ist bestimmt einer der wichtigsten Hürden die Wien´s Kulturplolitik zu beschreiten hat. Was unterscheidet uns heute von anderen Städten? Warum ziehen junge Künstler aus Wien weg?
Andere Orte bieten Infrastrukturen die es dem jungen Künstler ermöglichen sich auf seine Arbeit zu konzentrieren anstatt einer Rechnung nach der anderen nachzulaufen. Die Schaffung von Raum und von besseren Konditionen (Studiomieten, Materialkosten, Hilfestellung bei Überwindung von Bürokratiehürden usw.) wäre für viele Projekte eine Chance zur schieren Realisierbarkeit und kann für wieder andere bedeuten wertvolle Zeit zu gewinnen um sich auf sein/ihr Werk zu konzentrieren. Mit einher geht die oben genannte Verbesserung der Konditionen und Rahmenbedingungen. Viele Projekte scheitern schon beim Konzept aufgrund von Gesetzten und Auflagen (Kunst im öffentlichen Raum ist nur bedingt möglich; Genehmigungen etc.)
Ein toller Ansatz ist die Idee der Kulturscouts, die die Aufgabe hätten aus jeweiligen Kunstbereichen auf spannende Projekte aufmerksam zu machen. Ein zweiter Ansatz ist Raum , Ateliers, Plätze, Material, Studios usw. zu schaffen die vielen Kunstschaffenden zugänglich sind – nicht nur jenen die sich für eine Förderung qualifizieren. (So könnten Projekte in Zukunft unabhängiger Arbeiten und sich Budget zugunsten Mitwirkender verlagern..)
Und im Wirrwarr der Kommentare : Es wäre schön wenn auch die Wiener Offiziellen und das Publikum ganz gegen die gewohnte Manier nicht nur unkonstruktiv kritisieren sonder anerkennen dass neue und junge Ansätze und Konzepte Zeit brauchen um sich zu entwickeln – nicht von ersten Arbeiten an ausgereift sind.
Wien hat definitiv Potential. Es wäre wünschenswert wenn Künstler nicht erst anderen Orts und international erfolgreich sein müssen um auch vor Ort Aufträge und Anerkennung zu erhalten.
Natürlich kommen Projekte trotzDEM zustande! Es würde die meisten jungen Projekte nicht geben, ohne den Enthusiasmus und die Motivation der Beteiligten.
Schon sind wir beim Prekariat.
Im Hinblick auf unterstützte Vorhaben bietet eine sogenannte “Projektfinanzierung” im Prinzip eine erste Möglichkeit, ein Konzept grundlegend umzusetzen. Doch in welchen Projekt-Subventionen sind auch Personalkosten vorgesehen?
„Ein Projekt muss aus sich heraus wachsen!“, heißt es. Das tun engagierte Vorhaben. Sukzessive. Doch wie lange soll so ein finanzieller Wachstumsprozess dauern? Ein Jahr? Drei Jahre? Wann ist man sozusagen „ausgereift“ mit seinem Projekt? Nach dem dritten Jahr haben es sich die meisten auf jeden Fall schon wieder anders überlegen müssen. Oder sind nach wie vor motiviert und enthusiastisch.
Das erwähnte Scheitern bekommt in diesem Zusammenhang eine andere – eine bedrohliche Dimension. Zu scheitern kann in solch knappen Budgetierungen den finanziellen Ruin der Beteiligten bedeuten. Also lieber doch auf Nummer sicher gehen? Lieber sich mit einem künstlerischen Ansatz nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, das Publikum oder das Interesse könnte sonst ausbleiben?
In der derzeitigen Situation muss ein Projekt, das eine gewisse Größe erreicht hat, in jedem Fall mehrere PartnerInnen an seiner Seite haben und sich vor allem auf sie verlassen können, um aus den Einzelteilchen den ganzen Kuchen formen zu können. Oder den Muffin.
Wie kann es möglich sein, künstlerische, inhaltlich qualitative Arbeit zu leisten, ohne auf dem Weg zum Ziel zu verhungern? Ohne sich auf der anderen Seite kommerziell vermarkten bzw. inhaltliche Kompromisse eingehen zu müssen?
Es wäre wichtig, ein lebendiges Fördersystem zu schaffen, das mit den einzelnen Projekten mitgehen kann. Dazu muss das Interesse bestehen, die geförderten Vorhaben auch mit zu verfolgen – ohne inhaltlich in die Prozesse eingreifen zu wollen.
Wien ist stolz auf seine Musikgeschichte. Junge Musik und die dazugehörenden Kulturen werden jedoch eher als Stiefkind gesehen. Dabei wird auch vergessen, dass Gegenwart der wichtigste Teil von Geschichte ist, da sie uns direkt und aktiv betrifft.
Wir wissen, dass es vor hundert Jahren regelmäßig Pavillonkonzerte von verschiedensten Kapellen gab, in aller Öffentlichkeit und im freien. Solche Kapellen gibt es nicht mehr, dass sie in einer Regelmäßigkeit aufspielen könnten. Oder gibt es diese Kapellen doch, nur sehen die Instrumente anders aus? Ich würde eher auf zweiteres Tippen.
Diese Pavillons stehen nun fast schon als Mahnmäler in schönen Wiener Parks. Benutzt werden sie nicht. Dabei wären sie sehr historisch geeignete Orte um junge Musik und Kunst der Stadtbevölkerung in einem für sie kostenlosen Rahmen und ohne Konsumzwang nahezubringen. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass es nur schwer möglich ist, den Musikpavillon im Stadtpark zB. in einer wöchentlichen Regelmäßigkeit zu Verfügung gestellt zu bekommen, ohne dabei auch an den Auflagen und Steuern zu zerbrechen. Dies würde ich als eine Form der Förderung seitens der Stadt sehen, die es ermöglichen würde, das Stiefkind Gegenwartsmusik in der Stadt zu präsentieren und sich so auch mehr mit Ihr zu identifizieren. Hierbei möchte ich nur anmerken, dass diese Veranstaltungen nur untertags Sinn machen würden, da so mehr Laufpublikum erreichbar ist.
So wie es derzeit aussieht, ist junge Kultur dazu verdammt sich in die Nacht zu flüchten, da am Tag nur politische Feiern zu bestimmten Jahrestagen gefeiert werden. Die Nacht ist auch die nahezu einzige Möglichkeit der jungen Kultur überhaupt zu leben, denn Tags muss man sich diese Kunst durch andere Arbeitsverhältnisse finanzieren. Stiefkinder haben nunmal ein gespaltenes Leben. Aber sollten sie das auch? Sollte nicht Gegenwartsmusik ein respektierter und eingebundener Teil der stolzen Wiener Musikgeschichte sein? Und das schon jetzt?
Zum Abschluss eine letzte Frage:
Wieviele nicht profitorientierte Kulturzentren mit Veranstaltungsraum hat Wien, die obendrein für alle Künste zugänglich sind? Ich fürchte, die Antwort spricht Wien den Beinamen „Kulturstadt“ mit einem Wort ab.